Die lange Reise eines afghanischen Geflüchteten

Shams Patman verbrachte ein blühendes Leben in der trockenen, bergreichen Region Laghman, Afghanistan. Er hatte die 12. Klasse beendet und zwei weitere Ausbildungsjahre als Medizinischer Assistent hinter sich gebracht. Darüber hinaus konnte hat Patman in seiner Heimatstatt einen Grundkurs in Informatik und Englischkurse absolvieren. „Ich genoss mein Leben in Afghanistan und ich muss sagen, es war eine großartige Zeit“, sagt der junge Afghane niedergeschlagen.
Im Alter von 17 Jahren, genau vor vier Jahren, sah Patman sich gezwungen, nach Deutschland zu flüchten. Bevor seine Situation die Flucht notwendig machte sorglos, verbringt er heute seine Tage heute als Geflüchteter in Berlin. Patman vermisst seine Kindheit und seine Freunde aus der Schule. Patman erinnert diese Tage als eine goldene Ära seines Lebens: „Ich vermisse dutzende sehr gute Freunde aus Afghanistan.“ Zusammen gingen sie zur Schule, später am Tag oft schwimmen im Kanal oder zum Sport ins Fitnessstudio. Patman war immer gut beschäftigt in seinem alten Leben und verbrachte die letzten Stunden des Tages damit, dafür zu lernen, Krankenpfleger zu werden.

Dann musste er die von ihm so geschätzten Straßen verlassen – aus Gründen, die wir hier nicht weiter ausführen wollen. Er ging ins Unbekannte, auf eine zähe Reise zu sicheren Orten auf dem Planeten. In Afghanistan zu leben, wurde unerträglich, vor allem für modern eingestellte und liberale Menschen. Obgleich eine gewählte Regierung die Macht hatte, waren die Bedingungen einengend und chaotisch in Afghanistan. „Ich begann meinen Weg und wusste nicht, ob ich ihn lebend oder tot abschließen würde“, erinnert Patman die riskante Reise. Der 4. Oktober 2014 war sein erster Tag auf deutschem Boden. „Es war eine vollkommen neue Welt für mich.“ Der Respekt für die Meinung anderer, die Liebe für Humanität, die Freiheit, sich ausdrücken zu können, erstaunten den afghanischen Jungen. „Ich fragte mich oft, ob ich nicht träume”, lacht er.
Mit dem Gezwitscher der Vögel auf den Ästen der Bäume wirkt der Treptower Park angenehm, gar romantisch, mit der Spree zur einen Seite und dem üppigen grün zur anderen. Patman ist beeindruckt von dem, was die deutsche Regierung ihren Bürger*innen gibt. Obgleich er Zugang zu fantastischen Angeboten hatte, war die Kommunikation für ihn zunächst jedoch schwierig als Pashtu sprachiger Geflüchteter aus Afghanistan. Aber nach der langen riskanten Reise von Asien nach Europa war Deutschlernen für Patman kein großes Problem mehr. „Ich habe keine einzelne Stunde meines Sprachkurses verpasst. Weder Regen noch Schnee konnten mich aufhalten”, lächelt er stolz. „Ich habe versucht, so viele Bücher wie möglich zu lesen, schnell viel Deutsch zu schreiben und zu sprechen, wie ging“, ergänzt Patman. Der Deutschkurs hat seinen Durst nach Bildung nur noch stärker gemacht. Dieser Tage braucht er keine Übersetzung mehr, sondern kann ohne Schwierigkeiten alleine kommunizieren. Vor kurzem bestand Patman sein B1-Level und hat die Zulassung für einen B2-Kurs bekommen. Sobald er den B2 beendet, möchte er sich für ein Praktikum im medizinischen Bereich bewerben. „Ich würde sehr gerne für die Fürsorge von Menschen arbeiten, deshalb Medizin“, erklärt Patman mit großer Genugtuung.
Auf die Frage nach einem Ereignis, das ihn sehr glücklich gemacht, hält er für ein paar Sekunden inne und lehnt sich zurück, um die Geschichte zurück ins Gedächtnis zu holen: „Einmal bin ich mit einem Freund in der Nähe vom S-Bahnhof Schöneweide unterwegs gewesen. Da sah ich ein schönes, junges Mädchen, das nur noch so halb bei Bewusstsein war. Ich sah ihre Tasche und Handy auf dem Boden verteilt. Als sie uns bemerkte, wurden ihre Augen groß und sie nahm ihr Handy zu sich. Sie hatte Angst, jemand würde es ihr wegnehmen. Ich zeigte ihr mein Handy. Dann lächelte sie und fragte leise, ob wir ihr helfen könnten. Sie verstand, dass wir keine Diebe waren, nahm ihr Handy, wählte die Nummer ihrer Mutter und bat uns, ihr die Adresse zu geben. Ich sprach mit der Mutter und wartete, bis sie kam. Als sie da war, bedankte sich das kranke Mädchen bei uns mit trockenen Lippen und halb geöffneten Augen. Sie sah uns an, bevor sie ging und lächelte etwas beschämt, weil sie zuerst dachte, dass wir sie bestehlen wollten.“

Übersetzt ins Deutsche von Katharina Stökl

Diese Geschichte ist Teil einer Broschüre im Entstehen des Journalisten Noor Badshah Yousafzai, der selbst nach Deutschland geflohen ist. Er arbeitet für verschiedene Medien, darunter BBC Pashtu und The Pashtun Express. Sobald die Broschüre gedruckt ist, veröffentlichen wir sie hier auf unserem Blog. Bis dahin teilen wir die einzelnen Geschichten als individuelle Artikel. Die Broschüre wird ermöglicht über die “Partnerschaften für Demokratie Treptow-Köpenick” über das Programm Demokratie leben!

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