Nermeens Suche nach Glück

Es war ein kalter Freitag. Ich ging zu einer Unterkunft für Geflüchtete in Berlin. Eine Sozialarbeiterin begrüßt mich und führt mich durch die Gänge der Unterkunft. Nach einem kurzen Fußweg klopft sie an eine Tür. Ein lächelndes Gesicht öffnet. An der Tür stellt meine Freundin mich einer Frau vor und geht dann zurück an ihre Arbeit.

Als ich die Wohnung betrete, finde ich das Zimmer in bestem Zustand vor, und die meisten Dinge sind gut untergebracht. Die Wohnung spiegelt den Sinn für Ästhetik einer Frau, die mir nun einen Stuhl anbietet. Ein niedliches Baby spielt mit ein paar Spielsachen. Nach einigen Minuten steht Nermeen (29) vor mir. Trotz ihrer Obdachlosigkeit leuchtet Nermeens Gesicht. Sie lächelt und ist voller Selbstvertrauen. Ich bin sicher, die lange Reise der Entbehrung machte sie schön und mutig, sowohl von innen als auch von außen.

Nermeen wurde als Palästinenserin in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) geboren und lebte jahrelang in Syrien, ohne jemals das Heimatland ihrer Eltern zu besuchen – aufgrund der unsicheren Lage. Ihr Vater hatte ein Geschäft in Dubai, es aber verloren, so dass sie zurück nach Syrien zogen. Das Leben in Syrien war hart, denn Arabisch war nicht Nermeens Muttersprache, und in den VAE hatte sie eine englische Ausbildung durchlaufen. „Die Lage zuhause erlaubte mir nicht, weiter zu studieren,“ beginnt Nermeen ihre Geschichte. Im Alter von 16 Jahren begann sie, in Damaskus als Vermarkterin zu arbeiten. „Ich trug zwei Taschen auf dem Rücken, um die Produkte von lokalen und anderen Firmen zu verkaufen und so meine Familie zu unterstützen,“ berichtet sie.

Sie arbeitete etwa 12 Stunden am Tag, wobei sie erfolgreicher war als andere wegen ihrer Englischkenntnisse, die es ihr erlaubten, auch Ausländer anzusprechen. „Aber das Problem war, dass ich überhaupt kein Verkaufstyp war. Damals verliebte ich mich in einen Mann, und nach ein paar Treffen heirateten wir,“ erzählt sie. „Wir waren fast fünf Jahre zusammen, wovon wir nur die Hälfte der Zeit unglücklich waren. Und dann trennten wir uns. Ich war wieder alleine und kämpfte, um auf eigenen Füßen zu stehen. Dann ging ich zurück in die VAE mit einem gebrochenen Herzen und fühlte mich wie eine komplette Versagerin.“

„Von den VAE kehrte ich nach Jordanien zurück, um zu arbeiten und mir gemeinsam mit meiner Schwester ein Leben aufzubauen. Aber ich lebte mich nicht richtig ein in der arabischen Wüste, obwohl ich sehr hart arbeitete. Zu dieser Zeit drangen die Nachrichten über den Krieg in Syrien zu uns. Ich hörte sogar, dass sie Menschen für den Krieg zwangsrekrutierten. Anstatt nach Syrien zu gehen, packte ich also meine Koffer für Ägypten, denn ich wollte nicht in einem unsicheren Syrien landen.“

Nermeen erzählt ihre Geschichte weiter. Im Jahr 2013 willigte sie ein, einen 32-jährigen Ägypter zu heiraten. Es war der zweite Reinfall, ein weiterer freier Vogel im Käfig. „Dieser Mann war grausam. Ich konnte das Haus nicht verlassen. Er schloss mein Handy und meinen Pass weg. Er schlug mich, wenn ich etwas wollte. Ich war wieder hilflos, und ich fand keinen Weg, meine Familie zu kontaktieren und mich über diese Barbarei zu beklagen. Obwohl ich einige Male versuchte zu fliehen, war es nicht möglich. Schließlich kam meine Mutter, und ich ging zurück in das kriegszerrüttete Syrien. Aber dieser ägyptische Mann hörte nie auf, mich zu bedrohen, und sagte mir, er würde einen Weg finden, mich mit der Hilfe terroristischer Organisationen zu töten.“

„Ich war schwanger und stand kurz vor der Geburt. Ich war sehr schwach, und als meine Familie mich zum Krankenhaus brachte, waren die Straßen gesperrt, und es gab keine Gesundheitsversorgung aufgrund der Straßenkämpfe. So starb mein erstes Baby,“ erzählt Nermeen und beginnt zu schluchzen. Daraufhin versuchte sie erneut ihr Glück und reiste nach Jordanien und anschließend in die Türkei. Von dort kam sie mit der Hilfe von Schmugglern nach Griechenland. Mit einem Boot überquerte sie das Meer von der Türkei nach Griechenland. „Ich sah Leben und Tod aus nächster Nähe,“ erinnert Nermeen die haushohen Wellen und den schlechten Zustand des Bootes.

„Dann kam ich im Dezember 2015 nach Deutschland,“ sagt sie mit einem erleichterten Seufzer. „Ich bin super glücklich, hier mit meinem Sohn zu leben. Die Achtung vor den Menschen ist hier in Deutschland größer.“ Später heiratete Nermeen in Berlin erneut, aber auch diese Ehe hielt nicht lange. Sie gebar ein Kind. Tränen laufen an ihrem Kinn herunter, während sie ihrem Baby die Haare flicht. Nermeen ist betrübt über die Zukunft ihrer Tochter. Sie empfindet das Leben in Deutschland als sicher und gut ausgestattet. Sie möchte ihre Ausbildung fortsetzen und einen Abschluss erwerben, um ein unabhängiges Leben zu führen.

Diese Geschichte ist Teil einer Broschüre im Entstehen des Journalisten Noor Badshah Yousafzai, der selbst nach Deutschland geflohen ist. Er arbeitet für verschiedene Medien, darunter BBC Pashtu und The Pashtun Express. Sobald die Broschüre gedruckt ist, veröffentlichen wir sie hier auf unserem Blog. Bis dahin teilen wir die einzelnen Geschichten als individuelle Artikel. Die Broschüre wird ermöglicht über die “Partnerschaften für Demokratie Treptow-Köpenick” über das Programm Demokratie leben!

Translation English to German: Dr. Jamila Baluch (Lektorat und Übersetzung)

Photo: private

http://www.interaxion-tk.de/index.php/de/blog/teilhabe-und-begegnung/341-nermeen-s-quest-for-happiness

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